Warum Hunde jetzt an die Leine gehören – und wie Du Deinen Hund trotzdem gut auslastest
Tierärztin Susanne Gnass · VetServices Aktive Pfoten
Jedes Jahr beginnt in unserer von Jahreszeiten geprägten Natur der Kreislauf des Lebens neu. Rehkitze liegen still im hohen Gras, Bodenbrüter schützen ihre Eier und Junghasen wagen sich zum ersten Mal aus dem Bau. Es ist die Brut- und Setzzeit – eine sensible Phase für Wildtiere, die unsere besondere Rücksicht verdient.
Für Hundehalter:innen bedeutet das: Leine raus. In vielen Bundesländern gilt in dieser Zeit eine gesetzliche Anleinpflicht – und selbst dort, wo sie nicht vorgeschrieben ist, ist es das Gebot der Rücksicht.
Als Tierärztin und Hundehalterin erlebe ich jedes Jahr, wie viele Halter:innen die Brut- und Setzzeit unterschätzen. Wir sind mittendrin: Die Brut- und Setzzeit läuft noch bis Juli. Ein guter
Moment, um die wichtigsten Regeln und Alternativen im Überblick zu haben.
Dieser Beitrag erklärt, warum die Anleinpflicht sinnvoll ist, was in Deinem Bundesland gilt – und wie Du Deinen Hund trotzdem gut auslastest.
Warum gibt es die Brut- und Setzzeit?

Zwischen März und Juli bringen Wildtiere ihren Nachwuchs zur Welt. Rehkitze, Feldhasen, Fasanen, Lerchen und viele andere Tiere sind in diesen Wochen besonders verletzlich.
Das Problem: Jungtiere verfügen über einen Schutzreflex, der für sie zum Verhängnis werden kann. Sie verharren beiGefahr regungslos – und sind damit für einen Hund mit gutem Spürsinn kaum zu übersehen. Ein aufgestöbertes Rehkitz, das flieht und gestresst wird, kann von seiner Mutter verlassen werden.Ein Nest mit Bodenbrütereiern, das zertreten oder aufgestört wird, ist verloren.
Ein Hund muss dabei nicht einmal jagen wollen. Schon das neugierige Beschnuppern, das Herumstreifen im hohen Gras oder das Durchqueren einer Wiese kann ausreichen, um erheblichen Schaden anzurichten – ohne dass Du es als Halter:in bemerkst.
Die Anleinpflicht ist deshalb kein bürokratischer Eingriff, sondern eine sinnvolle Schutzmaßnahme für Artenvielfalt und Tierwohl.
Wann und wo gilt die Brut- und Setzzeit?
Wer mit seinem Hund verreist oder einen Tagesausflug in ein anderes Bundesland unternimmt, sollte sich vorab über die dort geltenden Regelungen informieren. Was zuhause erlaubt ist, kann anderswo bereits unter Strafe stehen.
Ganzjährige Regelungen
Baden-Württemberg:
Keine landesweite Leinenpflicht; in Jagdrevieren ganzjährig Leinenzwang; kommunale Regelungen möglich
Berlin:
Ganzjährige Leinenpflicht, auch in Wäldern
Brandenburg:
Fast überall Anleinpflicht außerhalb von Privatgrundstücken; strenge Regelungen für freilaufende Hunde außerhalb von Privatgrundstücken
Hamburg:
Ganzjährige Anleinpflicht in Wäldern; in bestimmten Naturschutzgebieten Hundeverbot
Mecklenburg-Vorpommern:
Ganzjährige Leinenpflicht in Wäldern
Nordrhein-Westfalen:
Keine bundeslandeinheitliche Brut- und Setzzeit-Regelung; ganzjährig Leinenzwang in Wäldern außerhalb von Wegen
Sachsen: Keine generelle Regelung; in Wäldern ganzjährig Leinenzwang
Zeitlich begrenzte Regelungen
Bremen: 15. März bis 15. Juli — Leinenpflicht in der freien Landschaft, auf Äckern und Deichen
Niedersachsen:
1. April bis 15. Juli — Leinenpflicht in Wäldern und freier Landschaft
Rheinland-Pfalz:
1. März bis 15. Juli — Leinenpflicht in der freien Landschaft
Saarland:
1. März bis 15. Juli — Leinenpflicht in der freien Landschaft
Sachsen-Anhalt:
1. März bis 15. Juli — Leinenpflicht in Feld, Wald und Flur
Schleswig-Holstein:
1. April bis 15. Juli — Leinenpflicht in der freien Landschaft;
1. April bis 30. September Hunde an ausgewiesener Hundestrandbereichen erlaubt
Thüringen:
1. März bis 15. Juli — Leinenpflicht in der freien Landschaft
Ohne generelle Regelungen
Bayern: Keine generelle Leinenpflicht; Gemeinden entscheiden individuell
Hessen: Keine landesweite Leinenpflicht; kommunale Regelungen möglich
⚠️ Wichtig
Diese Übersicht gibt einen allgemeinen Überblick. Kommunale Regelungen können abweichen — informiere Dich beim Ordnungsamt Deiner Gemeinde oder auf der Website Deines Bundeslandes. Bei Verstößen drohen Bußgelder von mehreren hundert bis mehreren tausend Euro.
Was gilt als „freie Landschaft"?
Der Begriff klingt eindeutig — ist es aber nicht immer. Als freie Landschaft gelten in der Regel:
- Felder, Wiesen und Weiden
- Wälder und Waldränder
- Moore, Heiden und Ödflächen
- Ufer und Deiche
Nicht gemeint sind in der Regel befestigte Wege, Straßen und ausgewiesene Hundeauslaufflächen. Diese sind, sofern vorhanden, auch während der Brut- und Setzzeit meist nutzbar. Auf Schotterwegen oder Forstwegen an der Leine bleiben ist eine gute Faustregel.
Ausnahmen von der Anleinpflicht
Bestimmte Hunde sind von der Anleinpflicht ausgenommen, wenn sie im Einsatz sind:
- Jagdhunde bei der Jagd
- Hütehunde bei der Arbeit
- Blindenführhunde
- Polizei- und Rettungshunde im Einsatz
Für alle anderen gilt: Leine anlegen.
Gut ausgelastet — auch an der Leine
Die Brut- und Setzzeit ist eine gute Gelegenheit, die gemeinsame Zeit mit Deinem Hund neu zu gestalten. An der Leine lassen sich viele spannende Aktivitäten entdecken — und ein gut ausgelasteter Hund braucht dafür keinen Freilauf.
Kopfarbeit statt Freilauf
Ein mental ausgelasteter Hund ist oft ruhiger als ein körperlich erschöpfter. Möglichkeiten:
- Nasenarbeit und Schnüffelspiele: Futter verstecken, Schnüffelmatten, kontrollierte Suchspiele an der Leine
- Mantrailing: Spurensuche an der Leine — speziell für Hunde mit starkem Jagdtrieb eine gute Alternative
- Dummy-Training: Strukturiertes Apportieren an der Leine
- Leinentraining und Signale üben: Die erzwungene Leinenzeit ist eine gute Gelegenheit, Leinenführigkeit zu verbessern
Schleppleine statt normaler Leine
Eine 5–10 Meter lange Schleppleine gibt Deinem Hund deutlich mehr Bewegungsradius — auf Wegen und in der freien Landschaft, wo es die Regelung erlaubt. So kann er schnüffeln, erkunden und sich austoben, ohne unkontrolliert wegzulaufen.
Ausgewiesene Hundeauslaufflächen nutzen
In vielen Städten und Gemeinden gibt es ausgewiesene Hundeauslaufflächen, die auch während der Brut- und Setzzeit genutzt werden dürfen. Diese sind oft auf Gemeinde-Websites oder in Hunde-Apps verzeichnet.
Zeiten anpassen
Wildtiere sind vor allem in der Dämmerung und früh morgens aktiv. Spaziergänge zur Mittagszeit auf befestigten Wegen sind deutlich weniger störend als Frühmorgen-Streifzüge durch Wiesen und Wälder.
Physiotherapie und gezielte Bewegungseinheiten
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🐾 Wenn Sicherheit zuhause den Spaziergang erleichtert
Für viele Seniorhunde bedeutet die Brut- und Setzzeit keine große Umstellung. Kurze, kontrollierte Spaziergänge gehören ohnehin zu ihrem Alltag. Damit diese Wege angenehm und sicher bleiben, können kleine Hilfen einen Unterschied machen.
ToeGrips® sind kleine Gummiringe für die Krallen. Sie können Hunden auf glatten Böden mehr Halt geben – zum Beispiel auf Fliesen, Laminat oder in Treppenhäusern. Viele Hunde bewegen sich dadurch sicherer und müssen weniger Kraft aufwenden, um Rutschen und Ausgleiten auszugleichen.
So können viele Hunde ihre Energie dort einsetzen, wo sie hingehört: bei den gemeinsamen Spaziergängen und Erlebnissen draußen.
Ein Wort zur Sicherheit
In einigen Bundesländern dürfen wildernde Hunde unter engen rechtlichen Voraussetzungen durch Jagdausübungsberechtigte getötet werden. Die Leine schützt also nicht nur Wildtiere — sie schützt auch Deinen Hund.
Fazit
Die Brut- und Setzzeit bedeutet für einen begrenzten Zeitraum eine Einschränkung aus Rücksicht auf das neu entstehende Leben. Wer seinen Hund in dieser Zeit anlegt, schützt Rehkitze, Bodenbrüter und Junghasen, die keine andere Chance haben als stillzuhalten und zu hoffen.
Es lohnt sich aber, die eigene Einstellung dazu zu überdenken: nicht als Zeit, die man über sich ergehen lässt, sondern als Einladung, die gemeinsame Zeit mit Deinem Hund aktiv und bewusst anders zu gestalten. Manchmal entstehen dabei Gewohnheiten, die man auch nach dem 15. Juli nicht mehr missen möchte.
Die Brut- und Setzzeit endet je nach Bundesland zwischen dem 15. Juli und dem 31. August. Auch danach gilt: Rücksicht auf Natur und Wildtiere bleibt das ganze Jahr eine gute Begleiterin auf jedem Spaziergang.
Hinweis: Die Regelungen zur Anleinpflicht ändern sich gelegentlich und können auf kommunaler Ebene abweichen. Bitte informiere Dich bei Deiner Gemeinde oder dem zuständigen Ordnungsamt über die aktuell geltenden Vorschriften in Deiner Region.
