Epilepsie beim Hund

Ursachen, Anfallsformen, Behandlung und warum Krampfanfälle das Gangbild verändern

Tierärztin Susanne Gnass · VetServices Aktive Pfoten

🧠 Wichtiges in Kürze

Hund liegt nach einem epileptischen Anfall auf einem weichen Hundebett, während seine Halterin beruhigend neben ihm sitzt. Die ruhige Umgebung vermittelt Fürsorge, Erholung und Nachsorge nach einem Krampfanfall.
Hund erholt sich nach einem epileptischen Anfall

Epilepsie zählt zu den häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen bei Hund und Katze. Sie ist gekennzeichnet durch wiederholte Krampfanfälle, die durch eine übermäßige und unkontrollierte Erregung von Nervenzellen im Gehirn entstehen.

 

Der einzelne Anfall dauert meist nur ein bis zwei Minuten, doch die Erkrankung begleitet betroffene Hunde häufig ein Leben lang. Verständlicherweise steht für Halter:innen zunächst der dramatische Moment des Anfalls im Vordergrund.

 

In meiner Arbeit mit dem Schwerpunkt Bewegung habe ich jedoch immer wieder gesehen, dass es vor allem die Phasen nach einem Anfall, die Begleiterscheinungen der Medikamente und die langfristigen Folgen für Koordination, Kraft und Trittsicherheit sind, die den Alltag verändern.

 

Dieser Artikel erklärt zunächst gründlich, was Epilepsie tiermedizinisch bedeutet, welche Formen und Anfallsarten es gibt, wie diagnostiziert und behandelt wird, und zeigt anschließend, warum Physiotherapie, gezieltes Training und einfache Alltagshilfen ein wichtiger Baustein für die Lebensqualität betroffener Hunde sind. 

⚡ Was Epilepsie beim Hund bedeutet

Anfall ist nicht gleich Epilepsie

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Epilepsie und Krampfanfall oft gleichgesetzt, tiermedizinisch lohnt sich jedoch eine genauere Unterscheidung.

 

Ein epileptischer Anfall ist das einmalige Ereignis: eine vorübergehende, abnorme und übermäßige elektrische Entladung von Nervenzellgruppen der Großhirnrinde, die sich als Krampf, Zucken, Bewusstseinsverlust oder verändertes Verhalten zeigen kann.

 

Von Epilepsie spricht man erst dann, wenn ein Hund eine dauerhafte Neigung zu wiederkehrenden Anfällen hat. Ein einzelner, einmaliger Anfall ist also noch keine Epilepsie. Damit ist Epilepsie keine einzelne Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für unterschiedliche Erkrankungen, die alle in wiederholten Anfällen münden.

Die internationale Systematik

Um die Terminologie, die Diagnostik und die Therapie international zu vereinheitlichen, arbeitet seit dem Jahr 2015 eine Gruppe veterinärmedizinischer Neurologen, die International Veterinary Epilepsy Task Force, an einem gemeinsamen Konsens. An dieser Systematik orientiert sich auch die folgende Einteilung.

🔍 Ursachen und Risikofaktoren

Idiopathische, primäre Epilepsie

Die idiopathische, auch primäre oder genetische Epilepsie genannt, ist die häufigste Form beim Hund. Idiopathisch bedeutet, dass sich trotz gründlicher Abklärung keine fassbare Ursache nachweisen lässt: Das Gehirn weist keine morphologischen Veränderungen auf, und auch im Blut finden sich keine Hinweise auf eine Stoffwechselstörung. Nach heutigem Wissensstand wird eine angeborene, genetische Grundlage angenommen.

 

Diese Form betrifft sowohl Rassehunde als auch Mischlinge, und Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein halbes bis fünf Prozent aller Hunde betroffen sind. Charakteristisch ist das Erkrankungsalter: Die meisten Tiere zeigen ihre ersten Anfälle zwischen dem ersten und dem fünften Lebensjahr. Genau dieses typische Alter ist ein wichtiger Hinweis, der die Diagnose wahrscheinlicher macht.

Symptomatische, strukturelle Epilepsie

Bei der symptomatischen, auch sekundären oder strukturellen Epilepsie ist eine fassbare Veränderung im Gehirn die Ursache der Anfälle. In Frage kommen Blutungen, Entzündungen, Traumata, Missbildungen, Tumoren oder Speicherkrankheiten. Diese Veränderungen lassen sich häufig mit bildgebenden Verfahren darstellen. Typisch ist außerdem, dass betroffene Hunde oft auch zwischen den Anfällen neurologische Auffälligkeiten zeigen.

 

Hier richtet sich die Behandlung gegen die Grunderkrankung, etwa operativ, antibiotisch oder entzündungshemmend, ergänzt um eine antiepileptische Medikation gegen die Anfälle selbst.

Reaktive Krampfanfälle

Reaktive Krampfanfälle entstehen als Reaktion eines grundsätzlich gesunden Gehirns auf eine vorübergehende Störung des Stoffwechsels oder eine Vergiftung. Sie gehören streng genommen nicht zur Epilepsie, weil das Gehirn hier erst sekundär betroffen ist.

 

Auslöser können eine Unterzuckerung, Sauerstoffmangel, Verschiebungen im Elektrolythaushalt oder ein Nieren- beziehungsweise Leberversagen sein. Bei den Vergiftungen stehen Metaldehyd, der Inhaltsstoff von Schneckenkorn, sowie Organophosphate und Carbamate aus Pflanzenschutzmitteln im Vordergrund.

 

Die Behandlung richtet sich konsequent gegen die auslösende Ursache, weshalb der Hinweis auf einen möglichen Giftkontakt für die Tierärztin oder den Tierarzt besonders wichtig ist. Diese Unterscheidung ist alles andere als akademisch, denn sie entscheidet maßgeblich über die richtige Therapie.

Warum das Alter eine Rolle spielt

Welche Ursache am wahrscheinlichsten ist, hängt stark vom Alter des Hundes beim ersten Anfall ab. Bei sehr jungen Hunden unter einem Jahr stehen Missbildungen, Stoffwechselstörungen, Infektionen, Traumata und Speicherkrankheiten im Vordergrund. Im typischen Alter zwischen einem und fünf Jahren ist die idiopathische Epilepsie die häufigste Erklärung. Tritt der erste Anfall dagegen erst jenseits des fünften Lebensjahres auf, muss verstärkt an Tumoren oder an Stoffwechselstörungen gedacht werden. Dieser Zusammenhang lenkt die Diagnostik und ist ein Grund, warum das Erkrankungsalter so sorgfältig erfragt wird.

Welche Hunde besonders betroffen sind

Bei einer Reihe von Rassen ist eine familiäre Häufung oder eine genetische Veranlagung wissenschaftlich belegt. Dazu zählen unter anderem Beagle, Labrador Retriever, Golden Retriever, Border Collie, Australian Shepherd, Border Terrier, Teckel, Vizsla, Belgischer Schäferhund vom Typ Tervueren und English Springer Spaniel. Für die meisten Rassen ließ sich bislang kein einzelnes auslösendes Gen identifizieren, weshalb es für die klassische idiopathische Epilepsie auch keinen allgemeinen Gentest gibt.

 

Eine Ausnahme bildet eine spezielle, seltene Form: Beim Teckel existiert ein Gentest für die sogenannte Lafora-Erkrankung, eine Myoklonusepilepsie, die mit einer Stoffwechselstörung im Gehirn einhergeht und unter anderem auch beim Bassethound beschrieben ist.

 

Wichtig bleibt, dass eine Rassezugehörigkeit allein nie eine Diagnose begründet, sie erhöht lediglich die Wahrscheinlichkeit und fließt in die Gesamtbeurteilung ein.

🐾 Anfallsformen und Anfallsablauf

Fokale Anfälle

Das klinische Bild eines Anfalls reicht von sehr subtil bis dramatisch und richtet sich danach, wie weit sich die abnorme elektrische Aktivität im Gehirn ausbreitet.

 

Bei einem fokalen Anfall ist zunächst nur ein begrenzter Bereich des Gehirns betroffen, entsprechend bleiben die Symptome auf einzelne Körperregionen beschränkt. Bei einem einfachen fokalen Anfall stehen motorische Zeichen im Vordergrund, etwa das Zucken einer Gliedmaße, einer Muskelgruppe oder der Lefzen, Kieferschlagen oder Kopfschütteln, wobei das Bewusstsein erhalten bleibt.

 

Bei einem komplexen fokalen Anfall ist das Bewusstsein beeinträchtigt, und es treten Verhaltensauffälligkeiten auf wie kurze Aussetzer im Sinne von Absencen, Schnappen nach nicht vorhandenen Objekten, Schwanzjagen, ungewöhnliches Lecken, Kauen, plötzliche Aggression oder zielloses Im-Kreis-Laufen. Weil solche herdförmigen Anfälle oft ohne Krampf ablaufen, werden sie von Halter:innen häufig gar nicht als Anfall erkannt.

 

Ein fokaler Anfall kann sich im Verlauf zu einem generalisierten Anfall ausweiten.

Generalisierte Anfälle

Beim generalisierten Anfall sind beide Großhirnhälften beteiligt, und die Entladung breitet sich über den gesamten Körper aus. Dies ist die Hauptanfallsform der primären Epilepsie und betrifft den weitaus größten Teil der Patienten.

 

Am häufigsten zeigt sich der tonisch-klonische Anfall, bei dem auf eine Phase der Versteifung ein rhythmisches Zucken folgt. Der Hund verliert das Bewusstsein, fällt um, zeigt Krämpfe und Ruderbewegungen der Beine, häufig begleitet von starkem Speicheln, Kieferschlagen und einem unwillkürlichen Abgang von Kot und Urin.

 

Daneben gibt es seltenere Formen wie rein tonische, klonische, myoklonische oder atonische Anfälle sowie Absencen.

Die Phasen eines Anfalls

Ein Anfall verläuft selten völlig unangekündigt, sondern lässt sich häufig in mehrere Phasen gliedern.

  • In der Prodromalphase, die Stunden vor dem eigentlichen Anfall liegen kann, wirken manche Hunde unruhig oder verändert; diese Phase fehlt allerdings oft oder wird übersehen.
  • Unmittelbar vor dem Anfall folgt mitunter eine kurze Aura, in der das Tier ängstlich die Nähe seines Menschen sucht oder sich versteckt.
  • Der eigentliche Anfall, der Iktus, dauert meist nur wenige Sekunden bis Minuten.
  • Besonders relevant für den weiteren Alltag ist die anschließende postiktale Phase. Sie kann von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden reichen. In dieser Zeit sind die Tiere erschöpft, desorientiert und benommen, manche zeigen vorübergehend Sehstörungen, zielloses Umherwandern, einen unsicheren, wackligen Gang, Steifheit oder auffälligen Hunger und Durst. Gerade in dieser Phase sind betroffene Hunde verletzungsgefährdet und sollten beaufsichtigt werden.

Wenn es gefährlich wird – Cluster und Status epilepticus

Ein einzelner, kurzer Anfall ist in der Regel nicht lebensbedrohlich. Gefährlich wird es in zwei Situationen:

  • Von Serien- oder Clusteranfällen spricht man, wenn ein Hund innerhalb von 24 Stunden zwei oder mehr Anfälle erleidet, sich zwischendurch aber wieder erholt.
  • Ein Status epilepticus liegt vor, wenn ein Anfall länger als etwa fünf Minuten anhält oder wenn mehrere Anfälle so rasch aufeinanderfolgen, dass der Hund zwischen ihnen das volle Bewusstsein nicht zurückerlangt.

Beide Situationen sind tiermedizinische Notfälle, da sie zu gefährlicher Überhitzung, Sauerstoffmangel und im schlimmsten Fall zu bleibenden Hirnschäden führen können. Hier ist unverzügliches tierärztliches Handeln erforderlich.

Wichtige Abgrenzungen

Nicht jedes anfallsartige Geschehen ist ein epileptischer Anfall, und die Unterscheidung ist für die Behandlung entscheidend. Eine Synkope, also eine kurzzeitige Ohnmacht infolge einer mangelnden Blut- oder Sauerstoffversorgung des Gehirns, etwa bei einer Herzerkrankung, kann einem Anfall ähneln, zeigt aber typischerweise keine ausgeprägte postiktale Erholungsphase. Auch Bewegungsstörungen wie die belastungsabhängige Schwäche beim Labrador Retriever oder bestimmte krampfartige Episoden beim Border Terrier müssen abgegrenzt werden, ebenso seltene Phänomene wie eine Kataplexie oder Narkolepsie. Deshalb gehört zu einer sorgfältigen Abklärung immer auch der Blick über das Gehirn hinaus, gerade auf Herz und Kreislauf.

🩺 Diagnose der Epilepsie beim Hund

Warum das MRT entscheidend ist

Die Diagnose der idiopathischen Epilepsie ist eine Ausschlussdiagnose, sie bleibt erst dann übrig, wenn andere mögliche Ursachen ausgeschlossen sind.

 

Am Anfang stehen ein ausführlicher Vorbericht und eine gründliche allgemeine sowie neurologische Untersuchung. Eine möglichst genaue Beschreibung der Anfälle durch die Halter:innen ist dabei besonders wertvoll, weshalb ich zu einem Anfallstagebuch und, vor allem bei ungewöhnlichen Anfallsbildern, zu Videoaufnahmen rate. Eine umfassende Blutuntersuchung dient dazu, reaktive und metabolische Ursachen aufzudecken und Hinweise auf innere Erkrankungen zu finden.

 

Je nach Befund schließen sich weiterführende Untersuchungen in Narkose an, etwa die Magnetresonanztomographie als Methode der Wahl zur Darstellung struktureller Veränderungen, ergänzt um eine Untersuchung des Nervenwassers und gegebenenfalls ein EEG.

 

Eine solche weiterführende Abklärung wird besonders empfohlen, wenn eine idiopathische Epilepsie unwahrscheinlich ist, also bei neurologischen Ausfällen zwischen den Anfällen, bei unzureichendem Ansprechen auf die Therapie, bei einem Erkrankungsalter unter einem oder über fünf Jahren sowie bei Cluster- oder Status-Geschehen.

💊 Behandlung der Epilepsie beim Hund

Wann behandelt wird

Die Behandlung richtet sich nach der Ursache. Bei symptomatischer und reaktiver Form steht die Therapie der Grunderkrankung im Vordergrund.

 

Bei der idiopathischen Epilepsie geht es nicht um Heilung, sondern um eine möglichst gute Kontrolle der Anfälle. Wichtig ist eine ehrliche Erwartung: Vollständige Anfallsfreiheit gelingt nicht immer, und schon eine deutliche Verringerung von Häufigkeit, Schwere und Dauer der Anfälle gilt als Therapieerfolg.

 

Nicht jeder Hund muss sofort dauerhaft behandelt werden. Bei der idiopathischen Epilepsie wird eine medikamentöse Therapie in der Regel dann begonnen, wenn die Anfälle gehäuft auftreten, in Serien oder als Status auftreten oder besonders schwer verlaufen.

 

Bei einer symptomatischen Epilepsie wird grundsätzlich behandelt, unabhängig von Zahl und Schwere der Anfälle.

Medikamente zur Dauertherapie

Für die Dauertherapie beim Hund stehen mehrere zugelassene Wirkstoffe zur Verfügung. Imepitoin, bekannt unter dem Handelsnamen Pexion, zeichnet sich durch vergleichsweise geringe Nebenwirkungen und einen rasch erreichten, stabilen Wirkspiegel aus, eine routinemäßige Blutspiegelkontrolle ist nicht erforderlich. Phenobarbital gilt als bewährtes und gut wirksames Mittel, gehört aber zu den Barbituraten und kann zu Beginn Müdigkeit, vermehrten Durst und Hunger sowie Veränderungen des Gangbildes verursachen; hier sind regelmäßige Kontrollen von Wirkspiegel, Blutbild und Leberwerten nötig. Kaliumbromid kommt als Ergänzung oder eigenständige Therapie infrage, wobei eine möglichst gleichbleibende Fütterung wichtig ist, da Schwankungen im Salzgehalt den Wirkspiegel beeinflussen. Als weitere Optionen, etwa bei unzureichendem Ansprechen, werden unter anderem Levetiracetam, Zonisamid, Gabapentin und Felbamat eingesetzt. Welcher Wirkstoff, in welcher Dosierung und mit welchem Kontrollschema gewählt wird, ist immer eine individuelle tierärztliche Entscheidung.

Der Notfall zu Hause

Für den Notfall zu Hause kann nach tierärztlicher Absprache Diazepam rektal verabreicht werden, um einen Anfall zu verkürzen oder weitere Anfälle zu verhindern.

 

! Cluster oder ein Status epilepticus erfordern dagegen immer den sofortigen Weg in die Praxis oder Klinik.

🏡 Was Halter:innen im Alltag tun können

Vor, während und nach einem Anfall

Kündigt sich ein Anfall durch Unruhe an, kann es helfen, den Hund ruhig zu begleiten. Während des eigentlichen Anfalls sollte man jedoch nicht eingreifen, sondern abwarten, bis er vorüber ist, und dabei unbedingt die Bissgefahr beachten, denn auch ein sonst sanfter Hund ist im Anfall nicht bei Bewusstsein. Sinnvoll ist es, spitze oder harte Gegenstände aus der Umgebung zu räumen, um Verletzungen vorzubeugen.

 

Nach dem Anfall hilft ein ruhiges, reizarmes Umfeld in der Erholungsphase.

 

Jeder Anfall sollte anschließend mit Datum, Uhrzeit, Dauer und Schweregrad in einem Anfallstagebuch dokumentiert werden, ergänzt um mögliche Auslöser wie besondere Stresssituationen. Dieses Tagebuch ist eine wertvolle Grundlage für jedes Gespräch in der Praxis.

Bewegung, Hundesport und Schwimmen

Viele Hunde zeigen ihre Anfälle in Ruhephasen oder aus dem Schlaf heraus, eine Garantie gibt es jedoch nie. Ob ein Hund weiterhin Hundesport machen kann, ist im Einzelfall abzuwägen, denn Stress kann Anfälle begünstigen, während eine plötzliche Unterforderung den Hund ebenfalls belasten kann.

 

Besondere Vorsicht gilt beim Schwimmen: Hier sollte ein betroffener Hund nur unter enger Aufsicht ins Wasser, da bei einem Anfall im Wasser akute Ertrinkungsgefahr besteht.

Verantwortung in der Zucht

Mit Tieren, die an Epilepsie leiden, sollte nicht gezüchtet werden, da die Veranlagung an die Nachkommen weitergegeben werden kann. Das gilt für Rassehunde wie für Mischlinge gleichermaßen. Hunde, in deren Verwandtschaft bereits Anfallsgeschehen aufgetreten ist, haben ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko.

🏃 Epilepsie und Bewegung – der Reha-Schwerpunkt

Was Krampfanfälle mit der Bewegung machen

 An diesem Punkt verbindet sich die neurologische Erkrankung mit meinem Schwerpunkt, der Physiotherapie und Rehabilitation. Die Auswirkungen der Epilepsie hören nämlich nicht mit dem Ende des Anfalls auf: In der postiktalen Phase sind ein unsicherer Gang, eine schwächere Hinterhand und eine verlangsamte Koordination häufig zu beobachten.

 

Hinzu kommt ein in der Praxis oft unterschätzter Punkt: Auch die antiepileptische Medikation kann die Bewegung beeinflussen. Sowohl bei Phenobarbital als auch bei Kaliumbromid gehören Gangbildveränderungen und vermehrte Müdigkeit zu den bekannten Begleiterscheinungen, vor allem in der Eingewöhnungsphase.

 

In der Summe entsteht so nicht selten ein Bild aus verminderter Kraft, verzögerter Reaktion, eingeschränkter Tiefensensibilität und mangelnder Trittsicherheit. Der Hund nimmt die Stellung seiner Pfoten im Raum weniger genau wahr und bewegt sich entsprechend vorsichtiger.

Glatte Böden als unterschätztes Alltagsproblem

Was im Alltag oft als Erstes auffällt, sind Schwierigkeiten auf glatten Untergründen wie Fliesen, Laminat oder Parkett. Ein Hund mit verminderter Kraft und unsicherer Tiefensensibilität findet dort schlicht keinen verlässlichen Halt. Rutscht er einmal weg, prägt sich diese Erfahrung ein. Der Hund meidet daraufhin die betroffenen Bereiche, nimmt Schonhaltungen ein und bewegt sich insgesamt weniger. Dieser Rückzug aus der Bewegung ist tückisch, denn er beschleunigt den Muskelabbau und damit genau das, was die Unsicherheit ursprünglich ausgelöst hat. So entsteht ein Kreislauf, der sich ohne gezielte Unterstützung von selbst verstärkt.

Mehr Halt, unabhängig von der Ursache

Ein wichtiger Gedanke für die Rehabilitation ist, dass die Bewegungsunsicherheit auf glattem Boden in vielen Fällen dasselbe Grundproblem hat, ganz gleich, ob sie von einer Epilepsie, von der Medikation, von Arthrose, von einer Hinterhandschwäche anderer Ursache oder schlicht vom Alter herrührt. Es geht um fehlenden Grip, fehlende Trittsicherheit und das daraus folgende verlorene Vertrauen in die eigene Bewegung. Wer genau hier ansetzt, hilft dem Hund unabhängig von der genauen Diagnose. Maßnahmen, die mehr Halt schaffen, wirken deshalb besonders breit.

🐕 Physiotherapie und Hilfsmittel

Physiotherapie und Rehabilitation bei Epilepsie

Die rehabilitative Arbeit beginnt mit einer genauen Bestandsaufnahme. Eine physiotherapeutische Untersuchung und eine strukturierte Gangbildanalyse zeigen, wo der Hund tatsächlich Kraft, Koordination oder Tiefensensibilität verloren hat, und helfen dabei, vorübergehende Effekte nach einem Anfall oder durch die Medikation von dauerhaften Defiziten zu unterscheiden.

 

Darauf aufbauend lassen sich gezielte Übungen zum Muskelaufbau der Hinterhand, zur Schulung der Propriozeption und zur allgemeinen Bewegungssicherheit planen. Entscheidend ist dabei ein ruhiges, reizarmes Setting, das den Hund nicht überfordert und Stress als möglichen Anfallsauslöser im Blick behält.

 

Begleitend gehört zur Rehabilitation immer auch die Anpassung der häuslichen Umgebung. Läufer und Matten auf glatten Böden, Hilfen wie ToeGrips® und ein bewusst gestalteter Alltag verschaffen dem Hund Erfolgserlebnisse statt Rutschpartien.

Wie ToeGrips® unterstützen können

ToeGrips® sind kleine Gummiringe, die auf die Krallen des Hundes aufgeschoben werden. Sie machen sich zunutze, dass Hunde sich auf rutschigem Untergrund natürlicherweise über die Krallen Halt verschaffen, während die glatten Pfotenballen kaum greifen. Indem die Ringe an den Krallen ansetzen, geben sie dem Hund auf Fliesen oder Laminat wieder mehr Bodenhaftung. Im Alltag äußert sich das in mehr Trittsicherheit, einem sichereren Aufstehen, weniger Wegrutschen und, das berichten viele Halter:innen besonders, in mehr Selbstvertrauen in der Bewegung.

 

Wichtig ist dabei eine ehrliche Einordnung. ToeGrips® sind keine Therapie und keine Wunderlösung, sondern eine sinnvolle Alltagshilfe. Sie ersetzen weder die tiermedizinische Behandlung der Grunderkrankung noch die physiotherapeutische Arbeit, sondern flankieren beides. Gerade bei Hunden, deren Bewegungssicherheit nach Anfällen oder durch die Medikation gelitten hat, können sie ein hilfreicher Baustein sein.

 

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📌 Fazit

Epilepsie ist eine vielschichtige Erkrankung, die weit mehr umfasst als den sichtbaren Anfall. Eine sorgfältige Abklärung der Ursache, eine konsequente tierärztliche Behandlung und eine gute Zusammenarbeit zwischen Praxis und Halter:innen bilden die Grundlage. Der eigentliche Anfall dauert oft nur wenige Minuten, doch die Auswirkungen auf Beweglichkeit, Sicherheit und Lebensqualität können deutlich länger bestehen, sei es durch die Erkrankung selbst, durch die postiktale Phase oder als Begleiterscheinung der Medikamente. Gerade bei Hunden, die auf glatten Böden unsicher werden, können Physiotherapie, gezieltes Training und Alltagshilfen wie ToeGrips® dazu beitragen, wieder mehr Stabilität, Selbstvertrauen und Lebensqualität zu gewinnen.

Quellen und weiterführende Literatur


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Klinik für Kleintiere, Arbeitsgruppe Neurologie (Prof. Dr. Andrea Tipold): Informationsbroschüre für Patientenbesitzer „Epilepsie bei Hund".

Kohn, B.; Schwarz, G. (Hrsg.): Praktikum der Hundeklinik. Enke Verlag, 12., aktualisierte Auflage.

 

International Veterinary Epilepsy Task Force (IVETF): Konsensusempfehlungen zu Terminologie, Diagnostik und Therapie der idiopathischen Epilepsie beim Hund.