Wenn Dein Hund die Diagnose Degenerative Myelopathie (DM) bekommen hat, ist das im ersten Moment oft ein Schock. Viele Hundehalter:innen hören diesen Begriff zum ersten Mal – und gleichzeitig steht die Frage im Raum: Was kommt jetzt auf uns zu?
Die degenerative Myelopathie ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung des Rückenmarks. Sie betrifft vor allem ältere Hunde und führt dazu, dass die Bewegungsfähigkeit nach und nach abnimmt – meist beginnt das an der Hinterhand.
Wichtig zu wissen: Die Erkrankung verläuft in der Regel schmerzfrei – Dein Hund leidet also nicht an Schmerzen. Sie ist nicht heilbar, aber ihr Verlauf lässt sich durch konsequente Physiotherapie und gute Begleitung deutlich verlangsamen.
Das Ziel ist deshalb nicht Heilung, sondern bestmögliche Lebensqualität – so lange wie möglich.
Bei der degenerativen Myelopathie werden Nervenstrukturen im Rückenmark nach und nach geschädigt. Man kann sich das so vorstellen:
Das Rückenmark ist wie ein Kabelstrang, der Signale zwischen Gehirn und Muskeln überträgt. Bei der DM verlieren diese Kabel nach und nach ihre Isolierschicht (die sog. Myelinscheide) und der Kern des Kabels (das Axon) wird beschädigt. Das Ergebnis: Signale kommen verzögert oder gar nicht mehr an – Bewegungen werden unsicher und unkoordiniert.
Entscheidend: Da keine Schmerzfasern betroffen sind, empfindet Dein Hund diese Veränderungen nicht als Schmerz. Er merkt, dass seine Beine nicht mehr richtig mitmachen – aber es tut ihm nicht weh.
Pathophysiologie:
Bei der DM kommt es zur progressiven Demyelinisierung und axonalen Degeneration der weißen Rückenmarksubstanz, vorwiegend der Hinterstränge und Seitenstränge. Die Erkrankung beginnt typischerweise thorakolumbal (T3–L3) und breitet sich kranial und kaudal aus.
Genetik / SOD1-Mutation:
Die Erkrankung ist mit einer Missense-Mutation im SOD1-Gen (Superoxid-Dismutase 1) assoziiert: c.118G>A, resultierend in einem E40K-Aminosäureaustausch. SOD1 ist ein antioxidatives Enzym (Radikalfänger); die Mutation führt zu einem toxischen Funktionsverlust, der Motoneuronen der weißen Substanz progressiv zerstört.
Homozygote Träger des A-Allels haben ein stark erhöhtes Erkrankungsrisiko. Es besteht eine altersabhängige inkomplette Penetranz: Nicht alle homozygoten Hunde entwickeln zwingend klinische Symptome.
Analogie zur ALS:
Die canine DM ist morphologisch und molekular der humanen Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) sehr ähnlich und gilt als erstes anerkanntes natürliches Tiermodell für diese Erkrankung (Awano et al., 2009, PNAS).
Betroffene Rassen (Auswahl):
Deutscher Schäferhund, Boxer, Pembroke Welsh Corgi, Rhodesian Ridgeback, Chesapeake Bay Retriever, Berner Sennenhund, Hovawart, Kuvasz, Weimaraner. Theoretisch kann jede Rasse erkranken.
Viele Hundehalter:innen kommen überhaupt erst auf das Thema, weil ihnen "irgendetwas komisch vorkommt". Typisch ist, dass die ersten Veränderungen sehr subtil sind.
Im frühen Stadium zeigen sich oft:
• ein leicht schwankender oder "weicher" Gang der Hinterhand
• gelegentliches Nachziehen oder Schleifen der Hinterpfoten
• erstes "Schleifen" der Krallen (erkennbar an abgenutzten Krallenkuppen)
• eine beginnende Schwäche beim Aufstehen oder Treppensteigen
• Wegrutschen auf glatten Böden
Im weiteren Verlauf werden diese Veränderungen deutlicher. Hunde knicken häufiger mit den Hinterbeinen ein, haben Schwierigkeiten beim Aufstehen, setzen die Pfoten falsch auf ("Knuckling" / Überköten) oder haben sichtbar Mühe, ihre Bewegungen zu koordinieren.
Im Spätstadium kommt es zur vollständigen Lähmung der Hintergliedmaßen. Auch eine Ausbreitung auf die Vordergliedmaßen ist möglich. Manche Hunde verlieren zusätzlich die Kontrolle über Blase oder Darm. Die Muskulatur wird durch Nicht-Beanspruchung abgebaut (Atrophie).
Wichtig: Die Symptome aller Phasen können auch andere Ursachen haben – z. B. einen Bandscheibenvorfall oder Hüftprobleme. Eine tierärztliche Abklärung ist deshalb immer der richtige erste Schritt.
Grad 1
Grad 2
Grad 3
Grad 4
Grad 5
Ataxie / Schwäche Hintergliedmaße, Hund noch gehfähig
Nicht-ambulatorische Paraparese (Hund kann nicht mehr selbstständig gehen)
Paraplegie
Urin-/Kotinkontinenz
Vordergliedmaßen betroffen, Tetraplegie
Taumeln, Wegrutschen, Schleifen der Krallen
Aufstehen kaum möglich, starkes Knuckling
Hinterhand vollständig gelähmt
Blasen- und Darmkontrolle verloren
Atemprobleme möglich
Aktive Bewegung, Koordination, ToeGrips®
Hydrotherapie, Gangschulung, Hilfsmittel
Rollwagen, passive Bewegung, Lagerung
Blasenmanagement, Hautpflege, Lagerung
Palliative Begleitung, Entscheidungsgespräch
Staging nach Coates & Wininger (mod.): Das klinisch am häufigsten verwendete Staging-System unterscheidet 5 Grade, die den neurologischen Status und die Funktionsfähigkeit abbilden (s. Tabelle). Die Läsionslokalisation liegt in 56 % der Fälle T3–L3, in 44 % L3–S3 (Kathmann et al., 2006).
Beidseitige Geschlechtsprädisposition besteht nicht. Erkrankungsalter typischerweise > 8–10 Jahre.
Viele Halter:innen sind überrascht, dass die Diagnose DM nicht "einfach" gestellt werden kann. Tatsächlich handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose – das bedeutet: Zuerst müssen andere, behandelbare Ursachen ausgeschlossen werden.
Für Dich als Hundehalter:in: Der Weg zur Diagnose kann Zeit brauchen und mehrere Untersuchungen erfordern. Das ist nicht Unsicherheit – es ist notwendige Sorgfalt.
• Ausführliche Anamnese (Vorgeschichte, Verlauf)
• Neurologische Untersuchung: Gang, Reflexe, Propriozeption
• Bildgebung (MRT oder CT) zum Ausschluss von Bandscheibenvorfällen, Tumoren, Gefäßproblemen
• Ggf. Liquoruntersuchung (Rückenmarksflüssigkeit)
• SOD1-Gentest: Nachweis der Risikomutation
• Ggf. weitere Spezialuntersuchungen
Wichtig: Eine sichere Diagnose ist zu Lebzeiten nicht möglich. Auch ein positiver Gentest bedeutet nur ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Die definitive Bestätigung erfolgt histopathologisch – also durch Untersuchung des Gewebes post mortem. Für die Praxis ist das selten relevant, weil die Kombination aus klinischem Bild, Ausschluss anderer Erkrankungen und positivem Gentest eine verlässliche Arbeitsdiagnose liefert.
Diagnostisches Vorgehen (Fachebene):
99,5 % der Neurologen verwenden zusätzliche diagnostische Tests (Bouché et al., 2023). 75,1 % führen immer den SOD1-Gentest durch; 43,4 % fordern zusätzlich ein spinales MRT; 21,7 % eine Liquoranalyse.
Wichtigste Ausschlussdiagnosen: Bandscheibenvorfall (IVDD), Cauda-equina-Kompressionssyndrom, Wobbler-Syndrom, spinale Neoplasie, fibrokartilaginöse Embolie, Polyradikuloneuritis.
SOD1-Gentest: Homozygotie für das A-Allel (c.118G>A, E40K-Mutation) ist der stärkste bekannte Risikofaktor. Heterozygote Träger erkranken deutlich seltener. Der Test ist in Deutschland verfügbar und für prädisponierte Rassen in der Zucht sinnvoll (Selektion gegen das Allel möglich ohne relevanten Inzuchtzuwachs, vgl. Ito et al., 2024).
Eine Heilung der degenerativen Myelopathie ist derzeit nicht möglich. Aber das bedeutet nicht, dass man nichts tun kann.
Im Gegenteil: Der Fokus liegt darauf, den Verlauf zu verlangsamen, die Beweglichkeit zu erhalten und Deinem Hund möglichst lange Lebensqualität zu sichern.
Es gibt keine medikamentöse Therapie, die die Erkrankung aufhält oder umkehrt. Da die DM schmerzfrei verläuft, sind Schmerzmittel in der Regel nicht indiziert.
Bei akuten Schüben oder begleitenden Erkrankungen (z. B. Spondylose) kann der Tierarzt kurzfristig Kortikosteroide oder andere Medikamente einsetzen.
Einige Studien und Erfahrungsberichte beschreiben positive Effekte von:
Bitte spreche Dosierungen immer mit Deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt ab.
Dosierungshinweise (nach NeuroVet, 2024): DHA 40 mg/kg/Tag, EPA 25 mg/kg/Tag, L-Carnitin 100 mg/kg/Tag, Coenzym Q10 ca. 100 mg/Tag. Studienlage für diese Supplemente ist limitiert – randomisierte kontrollierte Studien fehlen weitgehend.
Lasertherapie / Photobiomodulation: Eine retrospektive Studie (Miller et al.) zeigte bei intensiverer Laserbehandlung (PTCL-B) eine deutlich verlängerte Überlebenszeit (38,2 vs. 11,09 Monate) sowie einen späteren Eintritt der nicht-ambulatorischen Paraplegie (31,76 vs. 8,79 Monate). Alle Tiere erhielten zusätzlich intensive Physiotherapie. Die Evidenz ist methodisch limitiert (retrospektives Design, keine Randomisierung), die Ergebnisse aber klinisch relevant und Anlass für weitere Studien.
Die Physiotherapie ist einer der wichtigsten – und am besten belegten – Bausteine in der Begleitung von Hunden mit DM. Hunde mit regelmäßiger Physiotherapie leben deutlich länger und bleiben länger mobil.
Schlüsselstudie: Kathmann et al. (2006), Journal of Veterinary Internal Medicine
In dieser Schweizer Studie wurden 22 Hunde mit DM verschiedenen Physiotherapieintensitäten zugeordnet. Das Ergebnis war eindeutig:
Das bedeutet: Hunde mit intensiver Physiotherapie lebten fast 5× länger als Hunde ohne Physiotherapie – und blieben deutlich länger gehfähig.
Kathmann, I. et al. (2006). Daily controlled physiotherapy increases survival time in dogs with suspected degenerative myelopathy. J Vet Intern Med, 20(4), 927–932.
Regelmäßige, angepasste Bewegung hilft dabei:
Viele Hunde profitieren dabei nicht nur körperlich. Gezielte Bewegungseinheiten stärken auch die mentale Aktivität und das Wohlbefinden.
Die Maßnahmen werden immer individuell an den aktuellen Gesundheitsstatus des Hundes angepasst. Grundprinzip: Nicht "viel hilft viel", sondern angepasst und regelmäßig.
Aktive Bewegung ist die wichtigste Maßnahme und kann – nach Einweisung – zu großen Teilen von Dir zu Hause durchgeführt werden.
Passive Bewegungsübungen werden durchgeführt, wenn der Hund sich nicht mehr aktiv bewegen kann oder zur Ergänzung des aktiven Trainings:
Massage löst muskuläre Verspannungen, fördert die Durchblutung und hat einen beruhigenden Effekt auf das Nervensystem.
Nach Einweisung durch Physiotherapeut:innen können viele Hundehalter:innen die Massageeinheiten ganz oder teilweise selbst übernehmen.
Das Wasser ist für DM-Patienten besonders wertvoll: Es nimmt das Körpergewicht ab, ermöglicht gelenkschonende Bewegung und erlaubt dem Hund, Bewegungen auszuführen, die an Land bereits nicht mehr möglich wären.
• Unterwasserlaufband (Idealform): kontrolliertes Gehen bei einstellbarem Wasserstand
• Schwimmbad: freies Schwimmen als gelenkschonendes Ganzkörpertraining
• Im Wasser können Therapeut:innen auch passiv die Gliedmaßen durch den normalen Bewegungsablauf führen, um motorische Erinnerungen und Propriozeption zu stimulieren
Intensive Physiotherapie (nach Kathmann et al., 2006): Aktive Übungen 3–5-mal täglich, Massage 3-mal täglich, Hydrotherapie (Unterwasserlaufband oder Schwimmbad) 1-mal täglich. Moderates Programm: aktive Übungen 3-mal täglich, Hydrotherapie 1-mal wöchentlich.
Weitere Modalitäten (Fachebene): Elektrotherapie (Muskelstimulation), Lasertherapie / Photobiomodulation, Thermotherapie, Kryotherapie, Magnetfeldtherapie, Balancetraining auf instabilen Unterlagen (Balanceboard, Physio-Roll, Cavaletti), Rumpfstabilisierung, Widerstandsbandgehen.
Ziele der Physiotherapie im Überblick (nach Bouché et al., 2023): Krafterhalt (78/79 Befragte), Koordinationserhalt (77/79), Muskelmasseerhalt, Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens. Tägliche Sessions von 5–10 Minuten, mehrmals täglich, werden empfohlen.
Wichtig für Hunde mit begleitender Arthrose: Vor Beginn der Physiotherapie sollte ein Schmerzmanagement-Review erfolgen (Canine Arthritis Management).
Viele Hunde mit DM verlieren nach und nach die Kontrolle über ihre Hinterpfoten. Ein häufiges Problem ist dabei: fehlender Halt auf glatten Böden. Das führt dazu, dass Hunde unsicher werden, häufiger wegrutschen – und sich dadurch noch weniger bewegen.
ToeGrips® sind kleine Gummiringe, die auf die Krallen des Hundes aufgeschoben (oder bei neurologischen Patienten aufgeklebt) werden. Sie wirken auf zwei Ebenen:
Dieses propriozeptive Feedback ist bei DM-Patienten besonders wertvoll: Weil das Gehirn nicht mehr zuverlässig Signale von der Pfote empfängt, hilft der taktile Reiz der ToeGrips®, die Körperwahrnehmung zu unterstützen.
ToeGrips® sind bei DM besonders empfehlenswert:
Gerade in frühen und mittleren Stadien kann das einen spürbaren Unterschied im Alltag machen – und dazu beitragen, dass Dein Hund aktiv bleibt.
Unser Tipp: Kombiniere ToeGrips® mit rutschfesten Unterlagen in der Wohnung – das ergibt ein rundum sichereres Umfeld für Deinen Hund.
Wenn Du unsicher bist, ob ToeGrips® für Deinen Hund geeignet sind oder welche Größe passt, kann eine erfahrene Tierarztpraxis oder Physiotherapiepraxis vor Ort helfen. In unserer Partner:innen-Liste findest Du Praxen und Therapeut:innen, die bereits mit ToeGrips® arbeiten und Dich bei Auswahl, Anpassung und Anwendung unterstützen können.
Gerade im Alltag kannst Du sehr viel für Deinen Hund tun. Mit Fortschreiten der Erkrankung werden kleine Anpassungen immer wichtiger.
Im Spätstadium kann es zu Inkontinenz kommen. Regelmäßiges, aktives "Rausgehen" in kurzen Abständen hilft, Probleme zu minimieren.
Bei vollständigem Kontrollverlust kann der Tierarzt weitere Maßnahmen empfehlen (Ausdrücken der Blase, spezielle Unterlagen, Windeln).
Was Du täglich tun kannst: Kurze aktive Spaziergänge mehrmals täglich, angepasste Übungen nach Einweisung durch Physiotherapeut:innen, Massage, ToeGrips® und rutschfeste Unterlagen. Diese Kombination kann helfen, Sicherheit, Beweglichkeit und Lebensqualität im Alltag spürbar zu verbessern.
Du bist im Alltag der wichtigste Begleiter.
Mit Bewegung, kleinen Anpassungen und Geduld kannst Du viel bewirken.