
Wenn Dein Hund plötzlich taumelt, zur Seite fällt oder nicht mehr geradeaus laufen kann, ist das zunächst ein Schock – und immer ein Grund für eine sofortige tierärztliche Abklärung. Ein Schlaganfall beim Hund kann dahinterstecken, aber auch andere Erkrankungen können ähnliche Symptome verursachen.
Medizinisch spricht man häufig von einem intrakraniellen Infarkt. Dabei wird die Blutversorgung eines Hirnbereichs plötzlich unterbrochen. Je nachdem, welche Region betroffen ist – Großhirn, Kleinhirn oder Hirnstamm –, können sich sehr unterschiedliche Symptome zeigen.
Typisch ist der plötzliche, perakute Beginn: Die Veränderungen treten von einer Minute auf die andere auf. Häufig stabilisieren sich die Symptome innerhalb der ersten 24–48 Stunden und verschlechtern sich dann nicht weiter. Wenn sich der Zustand weiter verschlechtert, muss besonders sorgfältig nach anderen oder zusätzlichen Ursachen gesucht werden.
Die gute Nachricht: Viele Hunde erholen sich nach einem Schlaganfall deutlich besser, als man im ersten Moment befürchtet – oft innerhalb weniger Wochen. Entscheidend sind rasche Diagnostik, gute Stabilisierung und – sobald der Hund belastbar ist – gezielte physiotherapeutische Unterstützung.
Das Gehirn braucht, wie kein anderes Organ, konstant Sauerstoff und Zucker – und beides kommt über das Blut. Wird ein Blutgefäß im Gehirn plötzlich verschlossen oder reißt es, bricht die Versorgung dieses Bereichs zusammen. Die betroffenen Nervenzellen beginnen binnen Minuten, abzusterben.
Beim Hund unterscheiden Tierärzt:innen zwei Hauptformen:
Die gute Nachricht: Hunde erholen sich nach einem Schlaganfall häufig deutlich besser als Menschen. Das liegt daran, dass das Hundegehirn eine bemerkenswerte Plastizität besitzt – andere Hirnareale können Funktionen übernehmen, wenn Physiotherapie die Erholung aktiv unterstützt.
Pathophysiologie (Fachebene):
Intrakranielle ischämische Infarkte entstehen durch Unterbrechung der arteriellen Blutversorgung. Es kommt zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff und zum Zusammenbruch des zellulären Energiehaushalts. Zytotoxische Mediatoren (u. a. Glutamat, freie Radikale) werden freigesetzt; es folgt eine Gehirnnekrose mit perifokalen Ödemen. Beim Hund werden ischämische Infarkte ohne Hirnblutung häufiger beobachtet als hämorrhagische.
Lokalisation und Symptome: Die klinischen Zeichen korrelieren direkt mit der betroffenen Hirnregion.
Großhirn: meist nur leichte Gangabnormalitäten (Passgang), keine Parese, Drohreflex und Propriozeption abnormal, evtl. Blindheit, Bewusstseinsstörung, Drangwandern, Verhaltensänderung, epileptische Anfälle
Kleinhirn: abnorme Haltung, generalisierte Ataxie ohne Parese, evtl. Intentionstremor, vestibuläre Symptome, evtl. abnormer Drohreflex
Hirnstamm: Kopfnervenausfälle (z. B. Fazialislähmung), abnormer Gang (Ataxie und Tetraparese), Hypertonus vorne und hinten, abnorme Propriozeption vorne und hinten, evtl. vestibuläre Symptome, evtl. Bewusstseinsstörung
Ursachen / Grunderkrankungen (häufigste): Hypothyreose, Hyperadrenokortizismus (Cushing), chronische Nierenerkrankung, Hypertonie, Herzerkrankung, Gerinnungsstörungen (Koagulopathie), Neoplasien (primär oder metastasierend), Sepsis/Endokarditis, Parasiten (Dirofilaria immitis), Protein-verlierende Nephropathie, Diabetes mellitus, vaskuläre Malformationen.
Wichtig: Bei mehr als der Hälfte der betroffenen Hunde (>50 %) wird trotz vollständiger Diagnostik keine zugrunde liegende Ursache gefunden (Davies Veterinary Specialists, 2021; Wessmann et al., 2009).
Das Charakteristischste am Schlaganfall ist sein plötzlicher, perakuter Beginn: Dein Hund war gerade noch völlig normal – und dann taumelt er plötzlich, fällt zur Seite oder kann nicht mehr aufstehen. Das tritt buchstäblich aus dem Nichts auf, ohne Vorwarnung.
Ein weiteres wichtiges Merkmal: Die Symptome stabilisieren sich in der Regel nach 24–48 Stunden. Wenn sie sich weiter verschlechtern, deutet das entweder auf eine andere Erkrankung oder auf eine zugrunde liegende Grunderkrankung hin, die noch nicht behandelt wird.
Rufe sofort Deinen Tierarzt an – ein Schlaganfall ist ein Notfall!
Woran Du einen Schlaganfall erkennst: Perakuter Beginn + keine Progression (Verschlechterung) nach 24–48 h + neurologische Asymmetrie (einseitige Symptome).
Die Diagnose Schlaganfall ergibt sich aus dem klinischen Bild, der neurologischen Untersuchung, der Bildgebung – vor allem MRT – und dem Ausschluss anderer Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen.
Für Dich als Hundehalter:in: Das wichtigste Diagnosewerkzeug ist das MRT (Magnetresonanztomografie). Es kann den Infarkt sichtbar machen – aber manchmal erst Stunden nach dem Ereignis. Lass Dich nicht entmutigen, wenn das erste MRT noch keinen eindeutigen Befund zeigt.
MRT-Diagnostik beim caninen Schlaganfall:
MRT ist das sensitivste bildgebende Verfahren. Für ischämische Infarkte eignen sich besonders diffusionsgewichtete Sequenzen (DWI) und FLAIR; für hämorrhagische Infarkte Gradienten-Echo-Sequenzen (GRE/SWI). In den ersten 3 Stunden können Läsionen noch isodens sein; nach 24–48 h sind sie in T2/FLAIR hyperintens.
Differenzialdiagnosen: Vestibularis-Syndrom (peripheres vs. zentrales), fibrokartilaginöse Embolie (FCE) des Rückenmarks (ähnlicher perakuter Beginn, aber spinale Lokalisation), intrakranielle Neoplasie, Granulomatöse Meningoenzephalitis (GME), bakterielle Meningoenzephalitis, toxische Enzephalopathie.
Basisdiagnostik Grunderkrankungen (immer empfohlen): Blutdruck (≥160 mmHg = Hypertonie), Schilddrüsenhormone (T4, TSH), Nierenfunktionswerte (Kreatinin, SDMA), Urinprotein/Kreatinin-Ratio, Blutbild, Gerinnungsstatus, Herzultraschall bei Indikation.
Canine stroke prevalence: Ischämische und hämorrhagische Schlaganfälle machen schätzungsweise 1,5–2 % der neurologischen Fälle aus, sind aber deutlich unterdiagnostiziert, da die Diagnose modernen MRT-Zugang voraussetzt (Vetsci 2018).
Die gute Nachricht: Die meisten Hunde nach einem Schlaganfall brauchen vor allem Zeit, gute Pflege und gezielte Physiotherapie – keine aufwendige medikamentöse Langzeittherapie. Entscheidend ist die Stabilisierung in der Akutphase und die rasche Suche nach einer Grunderkrankung.
In der Akutphase steht die notfallmedizinische Stabilisierung im Vordergrund:
Wird eine Grunderkrankung identifiziert, ist deren Behandlung entscheidend für die Langzeitprognose und zur Vorbeugung weiterer Schlaganfälle:
Medikamentöse Optionen (Fachebene):
Eine Thrombolyse (wie beim Mensch mit rtPA) ist beim Hund nicht etabliert – die Zeitfenster sind zu eng, die Diagnose dauert länger.
Antikoagulanzien (z. B. niedermolekulares Heparin, Clopidogrel) werden bei bestimmten Grunderkrankungen diskutiert, ohne klare Evidenz für den caninen Schlaganfall. Kortikosteroide sind bei ischämischem Infarkt nicht indiziert (Gefahr der Ödemverstärkung); bei Hirnödem mit nachgewiesener Ursache werden sie vorsichtig eingesetzt. Magnetfeldtherapie: Kann während Massage und passiver Therapie angewendet werden, um die Durchblutung anzuregen.
Thermotherapie: Hunde vor der Physiotherapie unter Wärmelampe aufwärmen, insbesondere wenn sie sehr spastisch sind.
Beim Schlaganfall ist Physiotherapie nicht nur nützlich – sie ist der wichtigste Faktor für die Erholung. Denn das Gehirn des Hundes ist lernfähig: Durch gezielte Bewegungsreize können gesunde Hirnareale die Funktion der geschädigten Bereiche zunehmend übernehmen. Dieser Prozess heißt neuronale Plastizität – und er lässt sich durch Physiotherapie aktiv fördern.
Das Entscheidende: Mit intensiver Physiotherapie sollte so früh wie möglich begonnen werden – noch auf der Intensivstation, sobald der Hund stabil ist. Passive Bewegung und Massage können ab dem ersten Tag eingesetzt werden.
Grundprinzip: Neuronale Plastizität
Nach einem Schlaganfall reorganisiert das Gehirn seine neuronalen Netzwerke. Bewegungsreize sind der stärkste bekannte Stimulus für diese Reorganisation. Frühzeitige und intensive Physiotherapie beschleunigt nachweislich die funktionelle Erholung – ein Prinzip, das aus der Humanmedizin gut belegt ist und in der Veterinärmedizin zunehmend bestätigt wird.
Challande-Kathmann, I. in: Rehabilitation und Physiotherapie bei Hund und Katze. Enke Verlag (Standardwerk der tierärztlichen Physiotherapie). Kapitel 12.3.
Regelmäßige, angepasste Bewegung hilft dabei:
Die Maßnahmen werden individuell an den aktuellen Zustand des Hundes angepasst und verändern sich im Verlauf der Erholung. In der Akutphase stehen passive Maßnahmen im Vordergrund; im weiteren Verlauf zunehmend aktive.
Vor der Physiotherapie sollten Hunde – besonders wenn sie spastisch sind – sanft aufgewärmt werden, z. B. unter einer Wärmelampe. Das lockert die Muskulatur und erleichtert die anschließenden Übungen.
Täglich 2–3-mal alle Gelenke 5–10-mal einzeln sanft durchbewegen, Muskulatur dehnen. Diese Maßnahme kann schon auf der Intensivstation beginnen und dient der Gelenkernährung, Kontrakturprophylaxe und Durchblutungsförderung.
1-mal täglich Ganzkörpermassage, zwischendurch die stärker betroffenen Gliedmaßen extra massieren. Massage fördert die Durchblutung, reduziert Tonus und schafft Körperwahrnehmung. Nach Einweisung können Halter:innen die Massage zu Hause übernehmen.
Kann begleitend während Massage und passiver Therapie eingesetzt werden, um die Durchblutung anzuregen.
Sehr wichtig: Mehrmalige Stimulation täglich bringt den schnellsten Erfolg. Ziel ist, den Hund so schnell wie möglich aufzustellen und ein paar Schritte gehen zu lassen. Später kommen Koordinations- und Gleichgewichtsübungen, Slalom, Hindernisse dazu. Den Symptomen entsprechend wird ein individuelles Programm zusammengestellt.
Sehr gut geeignet: Das Wasser nimmt das Körpergewicht ab und ermöglicht gelenkschonendes Training. Zu Beginn den Hund schweben lassen und die Beine passiv bewegen. Evtl. Unterwassermassage oder Whirlpool zur Senkung des Muskeltonus. Progressiv mehr Belastung aufbauen. Wenn möglich täglich.
Physiotherapie-Protokoll (nach Challande-Kathmann, in: Rehab Hund & Katze, Enke Verlag):
Noch auf der Intensivstation: passive Bewegung und Massage. Tiere mehrmals täglich vorsichtig aufstellen. Mit intensiver Physiotherapie frühestmöglich beginnen. In den ersten 2–3 Tagen: Puls und Blutdruck kontrollieren (keine starke Steigerung wegen Blutungsgefahr).
Heimprogramm nach Entlassung: Besitzer setzen passive Bewegungstherapie, Massage und aktive Übungen nach Instruktion fort. Mindestens 1-mal pro Woche zur Physiotherapie und Kontrolle. Hydrotherapie 1–2-mal pro Woche, bis das Tier ausreichend 'an Land' trainieren kann.
Ziele der Physiotherapie im Überblick: Atrophie- und Kontrakturprophylaxe · Gelenkknorpelernährung · Ausdauer- und Muskelaufbau · Koordinations- und Gleichgewichtsschulung · Wiederherstellung der Gliedmaßenfunktion · Normales Gangbild.
Viele Hunde nach einem Schlaganfall haben – besonders in der Erholungsphase – Schwierigkeiten, sicher auf Hartböden zu stehen und zu gehen. Taumeln und Wegrutschen sind häufig, weil die Koordination und das Körpergefühl noch nicht vollständig wiederhergestellt sind.
ToeGrips® wirken auf zwei Ebenen gleichzeitig:
Gerade letzterer Effekt ist nach einem Schlaganfall besonders wertvoll: Weil die Signalübertragung zwischen Gehirn und Gliedmaßen gestört ist, braucht der Hund zusätzliche sensorische Reize, um sein Körpergefühl wiederzugewinnen. ToeGrips® liefern diesen Reiz passiv – rund um die Uhr.
ToeGrips® ersetzen keine Physiotherapie. Sie können aber helfen, auf glatten Böden sicherer zu stehen und zu gehen. Der taktile Reiz an der Kralle kann die Körperwahrnehmung zusätzlich unterstützen.
Unser Tipp: Kombiniere ToeGrips® mit rutschfesten Unterlagen in der ganzen Wohnung – das schafft eine sichere Trainingsumgebung für die ersten Schritte nach Hause.
Wenn Du unsicher bist, ob ToeGrips® für Deinen Hund geeignet sind oder welche Größe passt, kann eine erfahrene Tierarztpraxis oder Physiotherapiepraxis vor Ort helfen. In unserer Partner:innen-Liste findest Du Praxen und Therapeut:innen, die bereits mit ToeGrips® arbeiten und Dich bei Auswahl, Anpassung und Anwendung unterstützen können.
Gerade in den ersten Wochen nach einem Schlaganfall ist die häusliche Umgebung entscheidend. Kleine Anpassungen können einen großen Unterschied machen.
Wenn Dein Hund in der Akutphase viel liegt, ist regelmäßiges Umlagern (alle 2–4 Stunden) sehr wichtig, um Druckstellen zu vermeiden. Weiche Unterlagen (Memory-Foam, Wolldecken) helfen zusätzlich.
Was Du täglich tun kannst: Kurze Geheinheiten mehrmals täglich, angepasste Übungen nach Einweisung, Massage, ToeGrips® auf Hartböden, Wärme vor dem Training. Das Wichtigste: Regelmäßigkeit. Kleine tägliche Einheiten wirken besser als gelegentliche intensive Sessions.
Challande-Kathmann, I.: Intrakranieller Infarkt (Schlaganfall). In: Rehabilitation und Physiotherapie bei Hund und Katze. Enke Verlag, Kapitel 12.3 und 12.4.
Danciu, C.-G. et al. (2024): Comorbidities, long-term outcome and poststroke epilepsy associated with ischemic stroke – A multicenter observational study of 125 dogs. Journal of Veterinary Internal Medicine. DOI: 10.1111/jvim.17291
Wessmann, A. et al. (2009): Ischaemic and haemorrhagic stroke in the dog. The Veterinary Journal, 180(3), 290–303. DOI: 10.1016/j.tvjl.2008.01.006
Veterinary Science / Journal of Veterinary Science (2018): Magnetic resonance imaging characteristics of ischemic brain infarction over time in a canine stroke model. Journal of Veterinary Science, 19(1), 137–145.
Davies Veterinary Specialists (2021): Stroke Fact Sheet. Online-Fachinformation.
MedVet (2024): Strokes in Dogs: Signs, Treatment, and Prognosis. Online-Fachinformation.
Frontiers in Veterinary Science (2020): Imaging Ischemic and Hemorrhagic Disease of the Brain in Dogs. PMC7266937.