
Wenn ein Hund plötzlich schwankt, die Hinterbeine nicht mehr richtig einsetzt, sich beim Berühren des Rückens verspannt oder sogar zusammenbricht, steckt nicht selten ein thorakolumbaler Bandscheibenvorfall dahinter. Der medizinische Fachbegriff lautet Intervertebral Disc Disease (IVDD) – thorakolumbal, also ein Bandscheibenvorfall im Übergangsbereich zwischen Brust- und Lendenwirbelsäule.
Es handelt sich um die häufigste Form des Bandscheibenvorfalls beim Hund – und gleichzeitig um die, bei der Physiotherapie den größten und am besten belegten Unterschied macht.
Die Diagnose klingt zunächst beängstigend – besonders dann, wenn Lähmungserscheinungen aufgetreten sind. Gleichzeitig gibt es eine wichtige Botschaft: Viele Hunde können sich mit frühzeitiger Behandlung und gezielter Physiotherapie erstaunlich gut erholen.
Entscheidend ist, wie stark das Rückenmark komprimiert wird und wie schnell die Kompression entsteht. Davon hängen Symptome, Therapieentscheidung und Prognose wesentlich ab.
👉 Mehr zum selteneren zervikalen Vorfall: Zervikaler Bandscheibenvorfall beim Hund – Symptome, Therapie und Physiotherapie
Die Wirbelsäule des Hundes besteht aus vielen einzelnen Wirbeln. Zwischen je zwei Wirbeln liegt eine Bandscheibe, die als Stoßdämpfer wirkt und gleichzeitig für Beweglichkeit sorgt. Jede Bandscheibe hat einen weichen inneren Kern (Nucleus pulposus) und einen festen äußeren Faserring (Anulus fibrosus).
Mit zunehmendem Alter oder bei bestimmten Rassenveranlagungen verändert sich das Bandscheibenmaterial: Es verliert seine Elastizität und kann sich vorwölben oder in den Wirbelkanal einreißen. Das Bandscheibenmaterial drückt dann auf das Rückenmark oder auf Nervenwurzeln.
Der Übergangsbereich zwischen Brust- und Lendenwirbelsäule ist besonders häufig betroffen, weil hier die Beweglichkeit der Wirbelsäule zunimmt und die Bandscheiben entsprechend mehr Belastung tragen. Je schneller und stärker die Kompression entsteht, desto schwerer sind die neurologischen Ausfälle.
Typ I (Extrusion): Anulus fibrosus reißt, Nucleus-pulposus-Material tritt perakut bis akut in den Wirbelkanal aus. Typisch für chondrodystrophe Rassen. Das Ausmaß der neurologischen Ausfälle wird durch die kinetische Energie des Vorfalls, sein Volumen und das Verhältnis des Rückenmarksquerschnitts zum Wirbelkanal bestimmt.
Typ II (Protrusion): Anulus fibrosus bleibt intakt, wölbt sich vor. Häufiger bei großwüchsigen Rassen; chronischer Verlauf mit oft weniger ausgeprägter Symptomatik.
Häufige Lokalisationen: 66–83 % aller kaninen Bandscheibenerkrankungen betreffen die thorakolumbale Wirbelsäule. Über 50 % davon betreffen die Segmente Th12–Th13 oder Th13–L1; am zweithäufigsten sind L1–L2. Dorsale Vorfälle zwischen Th1 und Th11 kommen aufgrund des Ligamentum intercapitale kaum vor.
Pathophysiologie: Die Pathophysiologie entspricht derjenigen beim zervikalen Bandscheibenvorfall. Bandscheibenvorfälle sind aufgrund der schmalen dorsalen Region des Anulus fibrosus häufiger in den kaudalen Brustwirbelsäulen- und kranialen Lendenwirbelsäulensegmenten zu finden.
Lokalisationsbedingte neurologische Unterschiede:
Die Symptome hängen davon ab, wie stark das Rückenmark komprimiert wird und wie schnell die Kompression entstanden ist. Typische Warnzeichen:
Wichtig: Manche Hunde zeigen zunächst nur Schmerzen oder leichte Steifigkeit. Andere entwickeln schwere neurologische Ausfälle innerhalb weniger Stunden. Gerade Schmerzen werden von Hunden oft nicht laut gezeigt – stattdessen ziehen sie sich zurück, fressen weniger oder verändern ihr Verhalten.
Bei plötzlichen starken Rückenschmerzen, Schwäche, unsicherem Gang oder Lähmungszeichen sollte Dein Hund umgehend tierärztlich untersucht werden. Fehlt der Tiefenschmerz, ist das ein neurologischer Notfall – hier zählt jede Stunde!
Ein thorakolumbaler Bandscheibenvorfall lässt sich nicht allein durch äußere Beobachtung sicher diagnostizieren. Entscheidend ist eine gründliche neurologische Untersuchung in Kombination mit Bildgebung.
Typische diagnostische Schritte:
CT und MRT sind heute die wichtigsten Verfahren. Vor jeder chirurgischen Dekompression ist eine bildgebende Abklärung unerlässlich – zur Bestätigung der Diagnose, zum Ausschluss anderer Erkrankungen (z. B. Tumore) und zur genauen Bestimmung der Lage des Bandscheibenmaterials.
Tiefenschmerz: Der Tiefenschmerz besitzt große prognostische Bedeutung. Fehlt er bei paraplegischen Hunden länger, verschlechtert sich die Prognose deutlich; eine individuelle neurologische Einschätzung bleibt entscheidend. Neuere Studien relativieren das oft genannte Zeitfenster von 24–48 Stunden und empfehlen in bestimmten Fällen auch eine verzögerte Behandlung.
Anamnese, Signalement und klinische Befunde weisen auf den thorakolumbalen Vorfall hin. Die neuroanatomische Lokalisation und der Schweregrad der Kompression werden durch eine exakte klinisch-neurologische Untersuchung bestimmt. CT oder MRT (evtl. Myelografie) sind vor chirurgischer Dekompression obligat – zum Ausschluss spinaler Neoplasien und zur Bestimmung der exakten Lage des Bandscheibenmaterials.
Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der neurologischen Ausfälle.
Möglich bei Grad 1 und 2 (erstes Auftreten):
Erfolgsrate: Bei Grad 1–2 bis zu 82 %; bei Grad 3 bis zu 51 %. Die Rezidivrate der konservativen Therapie beträgt jedoch bis zu 40 %.
Empfohlen bei:
Methode: Die Hemilaminektomie ist die am häufigsten angewendete Technik. Der Wirbelkanal wird dabei von lateral eröffnet, um das Rückenmark zu dekomprimieren. Postoperativ sind die Tiere normalerweise schnell schmerzfrei. Die Rehabilitationszeit hängt stark von der Dauer der Kompression ab: Schnell operierte paraplegische Hunde sind im Durchschnitt nach 11 Tagen wieder gehfähig.
Die chirurgische Dekompression ist die Therapie der Wahl für alle Patienten mit neurologischen Defiziten sowie mit persistierender bzw. rezidivierender Dolenz. Die Genesung schreitet schneller voran als bei konservativem Therapieansatz, und die Wahrscheinlichkeit bleibender neurologischer Ausfälle ist geringer. Paraplegische Tiere, die erst nach einer Woche chirurgisch dekomprimiert werden, müssen mit einer durchschnittlichen Rehabilitationsdauer von 3–4 Wochen rechnen.
Physiotherapie ist beim thorakolumbalen Bandscheibenvorfall einer der wichtigsten und am besten belegten Bausteine der Behandlung. Sie wirkt nicht nur auf die körperliche Erholung, sondern beugt Folgeschäden aktiv vor.
Die Therapie wird immer individuell an den Schweregrad und den Verlauf angepasst. Grundprinzip: nicht „viel hilft viel", sondern regelmäßig und angepasst.
Passive Bewegungstherapie: Jedes Gelenk wird passiv durch alle Bewegungsebenen geführt; Muskulatur wird gedehnt. Beginn ab dem ersten Tag postoperativ, 3–5-mal täglich.
Massage: Rücken und Hintergliedmaßen werden 2–3-mal täglich massiert. Bei Hypertonus lockernde Griffe, bei schlaffer Lähmung tonisierende Griffe. Bei Verspannung auch die Vordergliedmaßen
einbeziehen.
RIT (Reflexinduziertes Training): Patellarreflex und insbesondere Flexorreflex sind sehr gut geeignet; täglich bei passiver Bewegung einbauen.
Hydrotherapie: Kann – je nach Wundheilung, Belastbarkeit und tierärztlicher Freigabe – frühzeitig eingesetzt werden, am UWL (Unterwasserlaufband) oder im Schwimmbad. Das Tier
muss zunächst an das Wasser gewöhnt werden. Im Wasser können Gliedmaßen passiv durch den normalen Bewegungsablauf geführt werden. Hydrotherapie ist bei gelähmten Patienten eine der wichtigsten
Rehabilitationsmethoden.
Aktive Bewegungstherapie: So früh wie möglich aufstehen lassen; täglich mindestens 5-mal das Laufen trainieren, Gleichgewicht fördern (Physioball, Trampolin,
Gewichtsverlagerung). Später kontrolliertes, langsames Slalom- und Hindernislaufen.
Magnetfeldtherapie: Kann ergänzend eingesetzt werden, z. B. zur Unterstützung von Durchblutung und Wohlbefinden, 1–3-mal täglich, z. B. während Massage und passiver
Bewegung.
TENS: Bei Schmerzen.
Therapeutischer Ultraschall im operierten Bereich ist kontraindiziert. Der Wirbelkanal wurde eröffnet, und das empfindliche Rückenmark ist auf der operierten Seite nicht mehr knöchern geschützt.
Eine Gangschulung darf nur mit Brustgeschirr erfolgen – Halsbänder sind kontraindiziert.
Phase 1: Sensibilität kehrt zurück, Spontanbewegungen nehmen zu.
Phase 2: Einige Hunde sind gehfähig mit gleichzeitig noch hochgradiger Ataxie und spontanem Knuckling. Dies kann sich deutlich verbessern, bleibt aber je nach Rückenmarksschädigung in leichter Form dauerhaft bestehen.
Blasenfunktion: Kehrt bei nicht vorbeschädigter Blase langsam progressiv zusammen mit der Motorik der Hintergliedmaßen zurück. Leichtgradige Kotinkontinenz kann sehr lange dauern, auch wenn die Tiere bereits wieder gehfähig sind.
Postoperativ: Wunde kann gekühlt werden. Blase regelmäßig kontrollieren und ggf. ausdrücken. Tier weich lagern, bei Bedarf regelmäßig wenden. Pfoten vor Verletzungen schützen (Pfotenschuhe). Nach Entlassung kann das Programm größtenteils zuhause fortgeführt werden. Regelmäßige Kontrollen (je nach Neurostatus ca. 1-mal pro Woche) empfehlenswert. Strikter Leinenzwang für 4 Wochen; kein Springen, Treppensteigen oder wildes Spielen. Danach langsam aufbauende Mehrbelastung.
Konservative Phase: Die Physiotherapie bei konservativer Therapie entspricht derjenigen beim zervikalen Bandscheibenvorfall. Wird trotz deutlicher neurologischer Ausfälle konservativ behandelt, kann nach ca. einer Woche strikter Ruhe vorsichtig das postoperative Programm versucht werden. Dekubitusprophylaxe und Blasenmanagement sind selbstverständlich.
Hunde mit thorakolumbalem Bandscheibenvorfall verlieren häufig das sichere Gefühl für die Stellung ihrer Hinterpfoten. ToeGrips® – kleine Gummiringe auf den Krallen – können hier auf zwei Ebenen helfen: Sie verbessern die Bodenhaftung auf glatten Böden und geben über den taktilen Reiz an der Kralle propriozeptives Feedback.
ToeGrips® wirken auf zwei Ebenen gleichzeitig:
ToeGrips® ersetzen keine Physiotherapie. Sie können aber helfen, auf glatten Böden sicherer zu stehen und zu gehen. Der taktile Reiz an der Kralle kann die Körperwahrnehmung zusätzlich unterstützen.
Unser Tipp: Kombiniere ToeGrips® mit rutschfesten Unterlagen in der ganzen Wohnung – das schafft eine sichere Trainingsumgebung für die ersten Schritte nach Hause.
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• Challande-Kathmann, I. & Forterre, F.: Rehabilitation und Physiotherapie bei Hund und Katze, Kap. 12.6.2: Thorakolumbaler
Bandscheibenvorfall
• Brisson, B.A. (2010): Intervertebral disc disease in dogs. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice, 40(5), 829–858
• Jeffery, N.D. et al. (2013): Intervertebral disk degeneration in dogs: consequences, diagnosis, treatment, and future directions. Journal of Veterinary
Internal Medicine, 27(6), 1318–1333
• Olby, N. et al. (2010): Canine Spinal Cord Disease – Outcome of Hemilaminectomy. Journal of Veterinary Internal Medicine
• ACVIM Consensus Statement: Acute Thoracolumbar Intervertebral Disc Extrusion in Dogs
• Physio-Pedia: Canine Intervertebral Disc Disease (weiterführende Übersicht)